April 2003

Bayerische Landesbank - `Malen hoch 5´

work in progress

Nur in Sache der Literatur, wenn die Kritik das Unabgeschlossene, in seiner genuinen
Gesetzmäßigkeit noch nicht erkennbare Werk eines Schriftstellers charakterisieren
will, ist der Begriff des »work in progress« geläufig.
In der Malerei, für die spätestens seit der Moderne das Prozessuale eine
herausragende Rolle spielt, findet er kaum Verwendung. Ursache unbekannt!

Was jedenfalls die Bilder der Malerin Eva Kunze angeht, erscheint eine
Beschreibung ihrer Produktion unter der Denkfigur des »work in progress« hilfreich.
Kunzes Werk ist »work in progress«, weil es aus der ständigen Überschreitung entsteht.
Gemeint ist hier nicht Stilbruch, Provokation oder ähnliches, wofür der Kunstjargon gern
auf dieses Wort zurückgreift; gemeint ist vielmehr eine ständig nur im Malakt verwirklichte,
von Material geleitete -- mal erzwungene, mal vereitelte -- Überschreitung des Themas,
der farblichen Ausgangssituation und der Strukturen.
Eva Kunze ist in ihrer Malerei an einen Punkt gelangt, wo die Arbeit an der Abstufung
der Farbnuancen zu einem dauernden Reiz und Reaktionsprozess wird.
Die Entscheidung, was im Fluss der Farben und im Wachsen der Gebilde schließlich
»stehen bleibt«, speist sich aus unzähligen Impulsen der Physis und der Psyche.
Dieser nie abgeschlossene »Dialog« zwischen Hand, und Auge, Material und Farbintensität
ist der eigentliche Vorgang, von dem die Bilder ausschnittweise Mitteilung machen.
Was dann »stehen blieb« kann in einem erneuten, zeitversetzten Malakt überarbeitet,
verändert, intensiviert oder auch -- häufig -- verworfen werden.
Es handelt sich also um serielle Malerei.
Man denke dabei aber nicht nur an Wiederholung und Variation eines Motivs und hänge
auch nicht zu sehr an der Logik des Additiven. Die Bilder sind Raster in einer in unendlicher
Ausdehnung gedachten Fläche, auf der Farbe und Gestalt sich unausgesetzt entwickeln.
(»blue liquid«)
Die Strukturen in den Bildern Eva Kunzes erinnern an Formen in mikro- und makrokosmischen
Räumen, wie sie aus der Naturwissenschaft bekannt sind. Allerdings handelt es sich hierbei
um kein einfaches Abbildungsverhältnis. Kunzes Bilder geben nicht die Formen der Natur
wieder, sondern sie zeigen, dass aus einem in seinem Ziel offenen Gestaltungsprozess
Formen und Strukturen entstehen wie wir sie aus den Innenwelten der Molekularbiologie
und anderen unserem »unbewaffneten« Blick sonst verborgenen Territorien kennen.

Entschlüsselt ist damit nichts, denn die von den Bildern oft geradezu aufgewühlte
Assoziationstätigkeit des Betrachters schickt diesen auch in die Räume der Erinnerung.
Fremdes wird von Eigenem überblendet. Der Blick erprobt die Zonen zwischen den
transparenten Farbplasmen und den undurchdringlichen Farbkrusten. In diesen
Zwischenbereichen scheint sich die Spannung zu entfalten, aus der Gestalt, Figürliches
sich bilden kann -- jedenfalls läßt sich dies in den Zeichnungen Kunzes studieren,
die sich vielleicht als Planskizzen künftiger Formprozesse in den großen Flächen der
Bildgestade lesen lassen -- work in progress!


Heribert Kuhn

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